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Das große Gedankenexperiment

Was wäre, wenn die Mauer nie gefallen wäre? Wie würde unser Leben in der DDR 2019 aussehen?

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30 Jahre Mauerfall

Antenne MV wagt das Gedankenexperiment.

Was wäre, wenn die Mauer nie gefallen wäre?

- Das Gedankenexperiment -

Am Abend des 9. November 1989 gehen an der deutsch-deutschen Grenze die ersten Schlagbäume hoch. Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Günter Schabowski, Sekretär des Zentralkomitees der SED, verliest auf einer Pressekonferenz in Ostberlin die Nachricht, dass "Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen" stattfinden können. Auf die Frage, ab wann die neue Regelung gelten würde, antwortet er: "Ab sofort, unverzüglich!" - Die Nachricht der Grenzöffnung verbreitet sich in der DDR wie ein Lauffeuer. Es beginnt ein Ansturm auf die Grenzübergänge. Nur wenige Tage nach der Grenzöffnung sind die 155 Kilometer bedrohlicher Stahlbeton nur noch Steinbruch für Souvenirjäger.

Antenne MV_Artikelgrafik_DDR Grenze_Blick in den Osten
aprott via Getty Images
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Der Mauerfall-Countdown 1989

Die Menschen der DDR haben ihren Glauben nie aufgegeben. - Sie haben einen immensen Druck erzeugt, dem sich das SED-Regime am Ende beugen musste. Wir schauen an dieser Stelle gemeinsam zurück in das Jahr 1989 - klicken Sie auf die Daten, um die Geschehnisse bis hin zum endgültigen Fall der Mauer noch einmal nachzulesen.

  • 05. Februar 1989 - Chris Gueffroy stirbt.

    Der 20-jährige Chris Gueffroy wagt die Flucht aus Ostberlin und klettert über die Mauer. 10 Kugeln treffen ihn tödlich - er ist der letzte Mauertote. Das Ansehen der DDR als souveräner, großartiger Staat in der Weltgemeinschaft bröckelte. Im April 1989 hebt der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke halbherzig und intern den Schießbefehl auf. Ob die Grenzsoldaten davon je erfahren haben, ist unsicher. Offiziell bleibt die Mauer unüberwindbar und tödlich. Die Ausreise ist kein Recht, bleibt eher eine Gnade.

     

  • 02. Mai 1989 - Der Vorhang bröckelt.

    Ein ungarischer General verkündet: die Grenzbefestigungen zwischen Ungarn und Österreich sollen demontiert werden. Der eiserne Vorhang bröckelt. In der DDR ignoriert das SED-Regime die Vorgänge erst einmal, es lässt sich stattdessen für die gelungenen Feierlichkeiten des 1. Mai bejubeln.

  • 07. Mai 1989 - Die Wahlfälschung der SED.

    Kommunalwahlen in der DDR. Wählen in der DDR wird ironisch "Zettel falten" genannt. Alle wissen natürlich, wie auch diese Wahl ausgeht. Das offizielle Ergebnis liegt wie immer bei fast 100 Prozent für die Mitglieder des Regimes. Doch diesmal kann der SED erstmals Wahlfälschung nachgewiesen werden, denn 7 Prozent der Wähler sollen mit Nein gestimmt haben. Proteste dagegen gab es nur wenige.

  • im Juni 1989 - Das Ausreisevirus.

    Unterdessen breitet sich das Ausreise-Virus aus und die Opposition wird immer mutiger. Wöchentlich steigen die neuen Ausreiseanträge, die DDR genehmigt immer mehr davon, um den Druck zu mindern. Grenzsoldaten nennen die Übersiedler spöttisch und erniedrigend "Üsis". In Ungarn sammeln sich immer mehr Urlauber an der Grenze zu Österreich. Mehr als 20.000 von ihnen sollen es schon nach drüben geschafft haben. Wer von ungarischen Grenzsoldaten gefasst wird, muss zurück in die DDR, zum Zurückschicken sind die Soldaten bis hierhin noch verpflichtet. Unzählige Urlauber sind von den geglückten Fluchtversuchen motiviert und warten ab. Die DDR-Staatsführung schweigt zum beginnenden Exodus. In den Nachrichtensendungen ist die Welt weiter heil, in den Zeitungen tummeln sich die Erfolgsmeldungen. Das Volk fragt sich: Wo hat die Regierung ihre Ohren? Wo hat sie ihre Augen?

     

  • 19. August 1989 - Die Massenflucht.

    Es kommt in Ungarn zu einer Massenflucht von über 500 DDR-Bürgern. Ungarische Reformer haben zusammen mit der Paneuropa-Union ein symbolisches, grenzübergreifendes Picknick veranstaltet. Dafür öffneten sie für etwa 3 Stunden die Grenze zwischen Ungarn und Österreich.

  • 04. September 1989 - Die Montagsdemonstration.

    Die vielen Ausreisewilligen und die Nachrichten aus Ungarn stärken den Mut der Menschen innerhalb der DDR. Nach einem Friedensgebet in der Nikolaikirche kommt es in Leipzig zur ersten Montagsdemonstartion. Zeitgeschichte wird geschrieben. Die Menschen fordern Reisefreiheit und mahnen eine Veränderung der Gesellschaft an. "Stasi raus" wird gebrüllt.

  • 11. September 1989 - Über Ungarn in den Westen!

    Wenige Tage später geht die ungarische Käfigtür entgültig auf: die ungarische Regierung beschließt ohne Rücksprache mit Moskau und Ostberlin, DDR-Bürger uneingeschränkt in den Westen ausreisen zu lassen.

  • 30. September 1989 - Die Botschaft in Prag.

    Jene DDR-Bürger, die im Sommer vor einer Flucht über die ungarische Grenze zurückgeschreckt waren, stürmen die Botschaften in Warschau, Prag und Budapest. Diese sind schnell überfüllt, besonders in Prag campieren Tausende. Doch die Regierung in Prag möchte nicht wie die ungarische Regierung einfach Entscheidungen gegen die DDR treffen. Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Gentscher verhandelt in New York eine Lösung für die DDR-Flüchtlinge in Prag. Er verkündet: "Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen,um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist." Jubel bricht aus, die Menschen weinen vor Erleichterung. Was noch vor Monaten undenkbar war, geschah jetzt plötzlich. Die Botschaftsflüchtlinge wurden mit einem Zug quer durch die DDR in den Westen gebracht.

  • 07. Oktober 1989 - Peinlicher Jahrestag der DDR.

    40. Jahrestag der DDR. Auch Michail Gorbatschow aus Moskau reist an, er wird bejubelt. Währenddessen kommt es in Ostberlin zu Unruhen und Protestaktionen - ausgerechnet am Rande der Feierlichkeiten zum Jahrestag der DDR. Und auch in über 50 weiteren Städten wird gegen die SED demonstriert. Die Bilder gehen sofort weltweit durch die Presse. Erstmals seit über 15 Jahren sollen die Einsatzkräfte auch wieder Schlagstöcke und Wasserwerfer einsetzen.

  • 09. Oktober 1989 - Die Revolution.

    70.000 Menschen strömen nach dem Montagsgebet auf die Leipziger Straßen. Stasi-Chef Mielke löst Gefechtsalarm aus, die Staatsmacht will mit Gewalt reagieren, die Armee steht bereit. Allen war klar: hier wird es zu einer Entscheidung kommen. Am Vorabend soll Erich Honecker gefragt haben, ob es möglich sei, Panzer gegen die Demonstranten in Leipzig einzusetzen. Doch man riet ihm davon ab: die Straßen würden unter den Panzern zerstört, ein neues Chaos würde erschaffen werden. Das begriff Honecker. Es kommt zum Wendepunkt: er unterschrieb erstmals, dass keine Schusswaffen gegen die Demonstranten eingesetzt werden dürfen, die Staatsmacht greift nicht in die Demo ein. Das war Revolution. An den folgenden Tagen verlieren Menschen in der DDR überall die Angst. Zehntausende gehen auf die Straße - sie fordern Mitbestimmungsrecht, Freiheit und die Entmachtung der SED-Spitze.

  • 18. Oktober 1989 - Tschüss, Honi!

    Erich Honecker wird abgesetzt. Egon Krenz wird zu seinem Nachfolger. Er will die DDR reformieren, doch das Volk demonstriert weiter. 

  • 04. November 1989 - Das neue Reisegesetz.

    In Berlin kommt es zur größten Demonstration in der Geschichte der DDR: der Entwurf eines Reisegesetzes hat die Menschen wütend gemacht. Demnach soll die Visumspflicht bestehen bleiben - doch DDR-Bürger wissen zu gut: ein Visumsantrag kann abgelehnt werden. 500.000 Menschen demonstrieren in Berlin. Günter Schabowski tritt in Erscheinung. Er ist SED-Sekretär für Informationswesen und mitverantworlich für den Entwurf des Reisegesetzes. Er setzt sich mit dem regierenden Bürgermeister West-Berlins Walter Momper zusammen. Nach langem Hin und Her sagt Schabowski zu ihm, dass die DDR Reisefreiheit geben möchte. Man rechne in der Folge mit etwa 150.000 Ausreisen, mehr jedoch nicht. Praktische Vorbereitungen dafür habe man in der DDR noch nicht getroffen.

  • 09. November 1989 - Der Fall der Mauer.

    Der Vormittag beginnt mit kleinen Provokationen an der deutsch-deutschen Grenze von Westberlin aus. Touristen besteigen Aussichtstürme und blicken in den Osten. In der DDR bereitet man sich gerade auf eine internationale Pressekonferenz vor. Günther Schabowski soll den Pressevertretern gegenübertreten und über das neue Reisegesetz informieren, doch er hat den eilig überarbeiteten Entwurf selbst noch nicht gelesen. Er macht einen Fehler, der die deutsche Geschichte verändern wird. Die Pressevertreter fragen ihn, ab wann die neue Reglung für die Ausreise aus der DDR gelten soll. Nervös beginnt er in seinen Unterlagen zu blättern. Dann antwortete Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Einer von der Presse fragt: „Gilt das auch für Berlin-West?“ Schabowski wusste wieder einmal nicht, was er auf diese Frage antworten soll, schaut in die Unterlagen: „Also, doch, doch.“ - und dann liest er ab: „Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen.“

    Mit seinem Handeln ist die Grenze geöffnet worden. Kurz nach den Abendnachrichten stürmen die Menschen die Grenzübergänge. Mindestens 10.000 Menschen stürmten zum Beispiel an den Grenzübergang Bornholmer Straße Berlin. Zunächst blieb dieser jedoch geschlossen, doch der Druck wurde immer größer, sodass der Chef des Grenzkontrollpunktes entschied, die Schlagbäume zu öffnen. Kein Pass, kein Ausweis - einfach durchlaufen. Es ist 23:30 Uhr, als die Mauer auf geht - alle Kontrollen werden eingestellt. In einer Nacht verändert sich die Welt: die DDR verabschiedet sich friedlich in die Geschichte, ein Jahr später ist Deutschland wieder vereint.

Wir drehen die Uhr zurück...

Was wäre, wenn die Mauer am 9. November 1989 NICHT gefallen wäre?

Was wäre, wenn Schabowski keinen Fehler begangen hätte? Wir drehen die Uhren 30 Jahre zurück und starten noch einmal: ohne Mauerfall. Wie wäre das Leben in der DDR heute? Antenne MV nimmt sie mit auf eine spannende Reise, die es niemals gegeben hat.

 

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Z_punkt GmbH
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Für unser Experiment arbeiten wir zusammen mit Dr. Karlheinz Steinmüller. Der Experte für Geschichte und Grundlagen der Zukunftsforschung lehrt an der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Angela verfasste Steinmüller schon zu DDR-Zeiten eine Vielzahl von Science-Fiction-Romanen. Mehr zu Herrn Dr. Steinmüller und wissenswertes zu seinen Büchern lesen Sie auf seiner Website www.steinmueller.eu.

In dieser Woche wagen wir im Programm von Antenne MV die Zeitreise in die DDR 2019. Alle Gedanken unseres Zukunftsforschers hören Sie auch zusammengefasst in unserem Podcast "Was wäre, wenn..." - in der kostenlosen Antenne MV App und hier im Web.

Wie würden wir heute in der DDR 2019 leben?

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Unser Zukunftsforscher malt uns viele spannende Dinge aus, wie unser Alltag in der DDR im Jahre 2019 aussehen würde. Nur als Vorgeschmack:

Lange Wartezeit auf ein Handy: etwa drei Jahre! Dissidenten bekommen früher eins, damit können sie getrackt werden. Als Gegenmittel stecken sie die Handys in Alufolie. Piercings sind verboten. Sie entsprechen nicht dem sozialistischen Menschenbild. Gerade deswegen lassen sich aber aufmüpfige Jugendliche Piercings machen. Tattoos waren zuerst auch völlig verboten, illegale Tattoo-Stecher landeten im Gefängnis, später ging der Staat freizügiger damit um. 

Die Gewässer vor Greifswald sind angeblich durch AKW Lubmin strahlenverseucht. Ein westdeutscher Greenpeace-Aktivist schmuggelt Wasser aus der Bucht in Plastikflasche in den Westen. – Wer solche Informationen sammelt und weitergibt, kann wegen „Weitergabe nicht-geheimer Informationen“ belangt werden. Im DDR-Internet gibt es Online-Brigadetagebücher; die FDJ-Plattform ist die einzige Möglichkeit, private Seiten zu gestalten. DDR übernimmt Westmüll (speziell aus Westberlin) – auch Endlagerung von Atommüll. 

Was wäre, wenn die Mauer nie gefallen wäre?

Der Podcast zum Gedankenexperiment

Was ist Ihre Wendegeschichte?