Eine kranke Frau liegt im Bett. Sie wirkt fahl und kraftlos, schläft, sie ist am Tropf angeschlossen.
Eine kranke Frau liegt im Bett. Sie wirkt fahl und kraftlos, schläft, sie ist am Tropf angeschlossen.

Sterbehilfe in Deutschland ist legal!

Das Urteil ist gefallen, Sterbehilfe ist mit dem Grundgesetz vereinbar - Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die mit dem Tod konfrontiert sind oder waren.

Eine kranke Frau liegt im Bett. Sie wirkt fahl und kraftlos, schläft, sie ist am Tropf angeschlossen.
Eine kranke Frau liegt im Bett. Sie wirkt fahl und kraftlos, schläft, sie ist am Tropf angeschlossen.

Sterbehilfe in Deutschland?

Wir wägen die Positionen gegeneinander ab.

Dass das eigene Leben endlich ist, ist ein Gedanke, der vielen zwar immer mal wieder in den Kopf kommt – doch über das eigene Lebensende nachzudenken, fällt dann oft sehr schwer. Wir von Antenne MV sind der Meinung, dass es Themen gibt, über die jeder einmal nachdenken sollte und mit diesem Thema wollen wir dazu anregen. Das Bundesverfassungsgericht hat am 26.02.2020 entschieden, dass geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland mit dem Grundgesetz vereinbar ist. – Mit dem §217 StGB sollte professionellen Suizidhelfern das Handwerk gelegt werden. Dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ging zu weit, nach Auffassung der Richter gebe es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Das schließe eben auch die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und dabei auch Hilfe von Dritten in Anspruch zu nehmen. Der §217 StGB mache das weitgehend unmöglich. Die Richter erklärten das Verbot für nichtig. (Az. 2 BvR 2347/15 u.a.)

Zu diesem sensiblen Thema haben wir haben mit Menschen gesprochen, die fast täglich mit dem Tod in Berührung kommen. Es sind Menschen aus unserem Land, die anderen dabei helfen, würdevoll zu gehen oder Menschen, die mit der eigenen Sterblichkeit in Berührung gekommen sind. Jeder dieser Gesprächspartner hat vor dem Urteil die eine Frage beantwortet: sollte Sterbehilfe in Deutschland erlaubt sein?

"Sollte Sterbehilfe erlaubt sein?"

Andrea aus Schwerin

Die Intensivkrankenschwester und ehrenamtliche Helferin im Hospizverein erlebt jeden Tag, wie schmerzvoll Patienten unter ihren schweren Krankheiten leiden oder nach einem Unfall nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Sie ist für Sterbehilfe und würde auch selbst helfen, wenn es um Angehörige oder gute Bekannte geht.

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Ivonne Fischer aus Rostock

Als Einrichtungs- und Pflegedienstleitung des Hospizes im Rostocker Südstadtklinikum pflegt und betreut sie Sterbende, begleitet sie bis in den Tod und sorgt dafür, dass sie in den letzten Wochen, Tagen und Stunden keine Schmerzen spüren und sich gut aufgehoben fühlen. Sie sagt, dass niemand einen nicht würdevollen Tod sterben muss, da die Palliativmedizin viele Optionen bietet, die die wenigsten mit Sterbewunsch kennen. Ihre Argumente gegen die Sterbehilfe hören Sie hier im Gespräch mit Antenne MV-Redakteurin Fee Theumer.

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Heidi Vogt aus der Schweiz

Heidi ist Freitodbegleiterin. In der Schweiz ist Sterbehilfe erlaubt: Ärzte, Pfleger und Organisationen haben dort keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten, wenn sie schwer kranken Patienten unter gewissen Bedingungen helfen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Heidi begleitet bei der Organisation EXIT Menschen auf dem Weg in den Freitod, bietet also assistierten Suizid an - Diese Organisation begleitet NUR Menschen aus der Schweiz, andere Organisationen helfen auch Menschen aus Deutschland. Wie ihre Hilfe aussieht und warum sie sich dazu entschieden hat, bei EXIT zu arbeiten und Menschen beim Suizid zu assistieren, erzählt sie uns im Interview.

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Andrea Wagner aus Ribnitz-Damgarten

Andrea arbeitet seit über einem Jahrzehnt mit Menschen, die schwerstkrank sind und hilft ihnen dabei, schmerzfrei und würdevoll zu sterben. In ihrer langen Zeit im Hospizverein hat sie nur wenige Menschen mit Sterbewunsch kennengelernt und auch mit ihnen darüber gesprochen, warum die Patienten keinen Ausweg mehr sehen. Für Sie kommt aktive Sterbehilfe nicht in Frage.

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Werner Lehr

Der Schatzmeister und Kontaktstellenleiter bei der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. hört oft am Telefon die Bitte nach einer „Pille“, die das Leiden beendet. Doch das ist natürlich weder seine Aufgabe, noch darf er überhaupt helfen. Geschäftsmäßige Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Seine Kollegen und er kämpfen seit Jahren dafür, dass der freiwillige Tod mit Unterstützung von Außenstehenden in Deutschland legalisiert wird. Warum er für die Sterbehilfe ist, hören Sie hier im Gespräch mit Antenne MV-Redakteurin Fee Theumer.

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Enrico aus Rerik

Enrico ist vor einigen Jahren mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden, als er die Diagnose „Krebs“ bekam. Heute noch ist er regelmäßig in der Onkologie, um sicherzustellen, dass der Krebs nicht wiedergekehrt ist. Sterben wollte Enrico bis jetzt noch nie, er kann sich aber vorstellen, dass er irgendwann gute Gründe dafür haben könnte, selbstbestimmt sein Leben zu beenden. Warum er dafür ist, dass Sterbehilfe in Deutschland legalisiert wird, hören Sie hier im Gespräch.

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Eine Person reicht einer Frau einen Becher voll Tabletten.
Eine Person reicht einer Frau einen Becher voll Tabletten.

Hintergrundinfos zum Thema

Die geschäftsmäßige Hilfe bei der Selbsttötung stand in Deutschland durch den im Jahr 2015 eingeführten §217 StBG bisher unter Strafe. Wer dennoch Hilfe zur Selbsttötung als Dienstleistung angeboten hatte, dem drohten bis zu drei Jahre Gefängnis. Angehörige oder andere, dem Suizidwilligen nahestehende Personen, die Hilfe zum erwünschten Suizid leisten, bleiben jedoch straffrei. Ebenfalls straffrei blieben Einzelfallentscheidungen von Ärzten, die Hilfe zum Suizid leisten. Jedoch blieb umstritten bzw. nicht eindeutig definiert, ab wann genau Ärzte "geschäftsmäßig handeln" und wann nicht.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat nun sein Urteil zum Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe verkündet und den Paragraphen gekippt, geklagt hatten schwer kranke Menschen, Ärzte und professionelle Suizidhelfer.

Das bisherige Gesetz:

  • § 216 Tötung auf Verlangen

    (1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.
    (2) Der Versuch ist strafbar.

     

  • § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung

    (1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

In der Entscheidung am 26.02.2020 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Grundgesetz und der Recht auf einen Selbstbestimmten Tod über dem §217 steht. Damit ist Sterbehilfe in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen mit dem Grundgesetz vereinbar und legal. Zuletzt entschied das Bundesverwaltungsgericht im März 2017, dass Schwerkranke in "extremen Ausnahmesituationen" ein Recht auf Mittel zur Selbsttötung haben. Schwerkranke Menschen hätten gemäß Grundgesetz das Recht zu entscheiden, wie und wann sie aus dem Leben scheiden wollen. Voraussetzung sei aber, dass der Patient "seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln kann" und dass es keine aktiven oder ganzheitlichen Alternativen gebe. Dann dürfe Patienten nach einer "besonders sorgfältigen Überprüfung" der Zugang zu einem Betäubungsmittel, das eine würdige und schmerzlose Selbsttötung erlaubt, nicht verwehrt werden.

Auf einer Bettdecke liegen alte Hände, ein Katheter ist eingesetzt. Jüngere Hände halten die alten Hände behutsam und sanft.
Auf einer Bettdecke liegen alte Hände, ein Katheter ist eingesetzt. Jüngere Hände halten die alten Hände behutsam und sanft.

Eine Patientenverfügung hilft...

...und zwar allen Beteiligten. Denn in einer Patientenverfügung kann jeder festlegen, welche Behandlung er im Falle einer schwerwiegenden Erkrankung wünscht, das kann beispielsweise ein Behandlungsabbruch sein oder das Nicht-Einleiten einer noch möglichen, aber nicht gewollten Behandlung. Eine solche passive Sterbehilfe ist legal, selbst wenn damit aktives Tun (z. B. durch Abschalten von Maschinen) verbunden ist, sofern sie dem Willen des Patienten entspricht. Eine eindeutige, möglichst detaillierte Patientenverfügung erleichtert es den Angehörigen, den Willen des Patienten umzusetzen, wenn er es selbst nicht mehr kann.

Welche Formen der Sterbehilfe gibt es?

  • Aktive Sterbehilfe

    Das gezielte Herbeiführen des Todes durch Handeln auf Grund eines tatsächlichen (Tötung auf Verlangen) oder mutmaßlichen Wunsches einer Person. In Deutschland verboten.

  • Passive Stebehilfe

    "Sterbenlassen": Das Zulassen eines Sterbeprozesses durch Verzicht oder Abbrechen lebensverlängernder Maßnahmen. Dazu gehört zum Beispiel das Abschalten von lebenserhaltenden Beatmungsgeräten und das Unterlassen von künstlicher Ernährung oder von Reanimationsversuchen. In Deutschland legal, sofern eine Willensäußerung des Betroffenen oder gültige Patientenverfügung vorliegt.

  • Indirekte Sterbehilfe

    Das Verabreichen von schmerzlindernden Medikamente, wobei als unvermeidbare Folge eine lebensverkürzende Wirkung des Mittels in Kauf genommen wird. In Deutschland legal, sofern das Einverständnis des unheilbar Kranken vorliegt.

  • Beihilfe zur Selbsttötung

    Suizid mit Hilfe einer Person, die ein Mittel (meist ein Medikament) zur Selbsttötung bereitstellt. In Deutschland nicht strafbar, wenn der Betroffene das Mittel selbst und aus freiem Entschluss einnimmt und wenn sich die Beihilfe auf einen Einzelfall beschränkt.