Politologe: «Es gab nie eine Volkspartei in MV»
18.03.2010 - 15 000 Menschen sind in Mecklenburg-Vorpommern in den großen Parteien organisiert. Das sind etwa ein Prozent der wahlberechtigten Einwohner. Für den Rostocker Politologen Dr. Steffen Schoon stellt damit am 20. Jahrestag der ersten und letzten freien DDR-Wahl die Frage, ob es überhaupt noch eine Volkspartei gibt.

Die Parteien haben sich in 20 Jahren nach der Wende engagiert entwickelt, so der Politologe im Interview mit dem Privatsender ANTENNE MV. «Die Parteien sind mitgliedermäßig schwach aufgestellt, aber sie haben es trotzdem geschafft, Politik gestalten zu können. Ich glaube, das wird etwas zu wenig gewürdigt.» Insgesamt 15 000 Mitglieder sind aber für klassische Volksparteien nicht viel. «Die Frage ist, wie definiert man Volkspartei. Wenn man Volkspartei definiert als eine Partei, die sehr viele Mitglieder hat und dementsprechend eine starke Verankerung in der Bevölkerung, so muss man sagen, dass es eigentlich nie große Volksparteien in Mecklenburg-Vorpommern gab. Aber natürlich ist es so, dass gerade CDU und SPD, was die Wähler angeht, doch so eine Art Volkspartei waren, sehr breite Wählerschichten für sich gewinnen konnten», so Steffen Schoon. Er findet den Begriff der Volkspartei überstrapaziert. «Es gibt nicht mehr die Volkspartei wie vielleicht noch in den 60er Jahren, wo also auch die Mitglieder stark in Strukturen verankert gewesen sind. Das gab es hier in den letzten 20 Jahren nicht. Das wird sich wahrscheinlich auch nicht entwickeln. Wenn man nur die Wähler betrachtet kann man sagen, dass es drei mittelgroße Parteien gibt mit der Union, mit der SPD und auch mit der Linkspartei.»

Vor 20 Jahren zum 18. März 1990 hatten 93,4 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen zur ersten und letzten DDR-Volkskammerwahl abgegeben. Zur letzten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern waren nicht einmal 60 Prozent an den Urnen. Dennoch meint der Rostocker Politologe: «Politik ist wichtig. Man sagt zwar immer, dass der Bürger politikverdrossen ist, aber das stimmt meines Erachtens so nicht. Das gibt Phasen, wo man eben sehr stark an Politik interessiert ist und dann wieder Phasen, wo es etwas weniger ist. Schwieriger wird es, wenn man Politik auf Parteipolitik zusammenfasst. Das ist ein Problem, was wir im Land haben, dass das von vielen Bürgern eben nicht gesehen wird, dass Politik eben auch immer Parteipolitik sein muss.» Nach der demokratischen Euphorie vor 20 Jahren war sehr schnell Ernüchterung eingetreten. Dr. Schoon: «Das hat meines Erachtens auch damit etwas zu tun, dass viele Bürger eine sehr hohe Anspruchshaltung an die Gestaltungskraft von Politik haben. Der dann einfach auch objektiv von Politik nicht erfüllt werden kann, das muss man dann so sagen, Politik kann keine Arbeitsplätze schaffen, das geht nicht. Und das spiegelt sich dann auch in den Wahlbeteiligungen wieder. Also, Enttäuschung auf der einen Seite und zu hohe Erwartung an Politik auf der anderen Seite.» Der Politologe hofft aber auch, dass die Menschen wieder mehr den Urnengang als Pflicht verstehen. «Man darf nicht immer nur auf die Politik und auf die Parteien einschlagen und sagen „Ihr müsst was machen!“, sondern man muss auch den Bürger ein bisschen ins Blickfeld rücken», sagte Dr. Schoon ANTENNE MV.

(Foto: dpa)



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