Zucker statt Salz gegen Glätte? - Skepsis in MV
16.02.2010 - Die erste deutsche Straßenmeisterei in Nordrhein-Westfalen hat wegen Salzmangels ihren Winterdienst nahezu einstellen müssen. Teils werden nur noch Autobahnen gestreut. In Mecklenburg-Vorpommern haben die die meisten Straßenmeistereien noch ausreichend Salz, ergab eine Umfrage des Privatsenders ANTENNE MV am Dienstag. Hans-Joachim Conrad vom Straßenbauamt Neustrelitz sagte ANTENNE MV: «Ich habe den ganze Winter noch nicht geklagt und werde auch nicht klagen. Wir haben bis jetzt keine Probleme gehabt. Unserer Zulieferer sitzt im Harz und war bis jetzt immer in der Lage, selbst in Notsituationen zu helfen, wenn in einer Meisterei ein bisschen weniger war. Ich habe auch auf kein Schiff warten müssen.»

In der Schweiz wird derzeit Zucker als Alternative für Streusalz getestet. Alternativen wären auch in Mecklenburg-Vorpommern erwünscht, so der Neustrelitzer Hans-Joachim Conrad: «Wir sind gegenwärtig auf Salz ausgerichtet, unsere Technik auch. Es wäre mit Zucker sicherlich auch möglich zu streuen, aber alle Voraussetzungen, die dafür notwendig sind, kann ich mir momentan nicht so recht vorstellen. Sprich Lagermöglichkeiten, denn Salz und Zucker lagern sich bestimmt schlecht zusammen. Sicherlich ist es notwendig, auch über Alternativen nachzudenken, denn auch Salzvorräte sind nicht endlos da.» Skeptisch ist auch Harald Kienscherf vom Landesbauernverband. Denn die knapp 1 000 Rübenanbauer in Mecklenburg-Vorpommern könnten zwar irgendwann den Zucker liefern, aber «man muss sehen, ob das in Größenordnungen realisierbar ist. Von der Idee haben wir auch gehört. Aber zum einen ist der Zuckerrüben-Anbau in Europa reglementiert und quotiert. Die zweite Komponente, die man überlegen müsste, wäre die ethische Komponente, denn Zucker wird mit hohem Aufwand hergestellt. Zucker ist in Ländern mit Nahrungsmittelproblemen ein wichtiger Rohstoff. Aus dieser Sicht sollte man sich überlegen, ob es angebracht ist, Zucker in Europa, in Deutschland auf die Straße zu streuen oder es nicht andere Möglichkeiten gibt», so Kienscherf auf ANTENNE MV. Das müsse an höherer Stelle entschieden werden, die Bauern könnten bei Nachfrage auf Rübenernte für den Winterdienst umstellen. Aber «kurzfristig ist es keine Überlegung wert», denn wegen Fruchtfolgen und Anbaustrukturen sei die Umstellung der Rübenbauern nicht realisierbar, sagte der Landesbauernverbandssprecher.

Der Greifswalder Universitätsprofessor für Umweltchemie, Fritz Scholz, lehnt die Alternativen Zucker ab. Man könne zwar Schnee und Eis mit Zucker tauen, aber zwei Dinge sprechen seiner Meinung nach gegen den Einsatz. «Es wird kleben, und man braucht vom Zucker um den gleichen Effekt zu erreichen die zwölffache Menge wie von Salz. Es ist wesentlich effektiver mit Salz zu streuen als mit Zucker. Der zweite Punkt ist sicher eine ethische Frage, ob man Lebensmittel dazu verwenden sollte die Straßen befahrbar zu machen. Das halte ich für sehr fragwürdig, wenn man bedenkt, in wie vielen Gegenden der Welt die Menschen hungern», sagte der Greifswalder Wissenschaftler. Nach Angaben des BUND, der Salz als Streumittel aus Schadensgründen ablehnt, gilt Zucker aber als umweltfreundlicher. In den nächsten Tagen könnten die Straßen in Mecklenburg-Vorpommern ohne Salz wieder gefährlich glatt werden, da es tagsüber Tauwetter und nachts wieder Frost geben soll.



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